als Kommunikationsmodell
Je schneller der Kopf des Böögg explodiert, desto schöner wird der Sommer, heisst es. Das Sechseläuten gilt als Zürcher Frühlingsritual, als Brauchtum, als wiederkehrender Fixpunkt im Stadtkalender. Es ist so präsent verankert, dass es sogar wissenschaftliche Erhebungen zur Akkuratesse der Vorhersagen des Böögg gibt.[1] Wir betrachten es heute mal aus einer anderen Perspektive: als Kommunikationsmodell.
Es zeigt sich, dass hier nicht einfach ein öffentlicher Anlass begangen wird, sondern mit grosser Präzision Öffentlichkeit hergestellt wird: mit Glockenschlag, Umzügen, Reden, Bildern und einer Dramaturgie, die Aufmerksamkeit bündelt und Bedeutung erzeugt. Gerade deshalb ist es ein aufschlussreiches Beispiel dafür, was Kommunikation leisten muss: Inhalte sollen nicht nur interessant und korrekt sein, sondern auch relevant, verständlich und wirksam werden.
Wenn ein Ritual Kommunikation wird
Was wird am Sechseläuten eigentlich kommuniziert? Nicht nur, dass ein Anlass stattfindet. Kommuniziert wird ein gemeinsamer Moment. Der Glockenschlag markiert die Uhrzeit und setzt ein öffentliches Signal: Jetzt beginnt etwas, jetzt gilt etwas, jetzt richtet sich alle Aufmerksamkeit auf diesen Augenblick. Der Umzug macht diesen Moment sichtbar, trägt ihn durch die Stadt und bringt die Menschen zusammen. Ansprachen & Reden umrahmen das Geschehen, ordnen es ein und geben ihm Sprache. Der Böögg schliesslich verdichtet den Anlass zu einem Symbol mit Wiedererkennungswert.
Gerade diese Verbindung aus Signal, Ritual, Sichtbarkeit und Symbolik macht das Sechseläuten kommunikativ stark. Es funktioniert nicht wie eine individuelle Botschaft, sondern wie ein öffentlicher Impuls. Viele Menschen nehmen auf verschiedene Arten am gleichen Event teil und erleben dennoch nicht zwingend dasselbe, hören nicht zwingend die gleiche Botschaft, nehmen nicht zwingend die gleichen gesellschaftlichen Werte für sich mit. Für die einen ist es Tradition, für andere ein Frühlingszeichen, ein Stadtritual oder einfach ein Anlass, um Freunde zu treffen. Doch eines nehmen alle mit: Das Gefühl von Verbundenheit und Gemeinschaft, das uns als Gesellschaft zusammenschweisst. Diese Offenheit macht das Fest aus der Kommunikationsperspektive so interessant: Dieselbe Botschaft kann viele erreichen, ohne bei allen identisch anzukommen.
Ein gemeinsamer Rahmen, individuelle Relevanz
Die Kommunikation rund ums Sechseläuten ist in einem besonderen Sinn programmatisch: Sie spricht nicht nur über einen gemeinsamen Moment, sie ist Teil davon. Genau hier liegt die eigentliche kommunikative Leistung. Das Sechseläuten sendet eine klare Botschaft und dies gelingt, weil die Botschaft nicht für alle auf dieselbe Weise relevant werden muss, um wirksam zu sein.
An diesem Punkt wird Anschlussfähigkeit wichtig. Gemeint ist damit die Fähigkeit von Kommunikation, verschiedene Menschen aus unterschiedlichen Perspektiven zu erreichen, ohne ihren Kern zu verlieren.
Was das für personalisierte Medizinkommunikation heisst
Kommunikation wird anschlussfähig, wenn sie klar genug ist, um verstanden zu werden, und offen genug, um an unterschiedliche Erfahrungen, Erwartungen und Wissensstände anzuknüpfen. In der medizinischen Kommunikation ist das besonders relevant. Informationen werden nie neutral aufgenommen. Sie werden individuell verarbeitet – je nach Vorwissen, Rolle, Betroffenheit, Sprache, Kontext und emotionaler Lage. Was für Fachpersonen relevant ist, ist für Patient:innen nicht automatisch verständlich. Was Angehörigen Orientierung gibt, braucht oft eine andere Tonalität als ein Inhalt für Healthcare Professionals, Fachmedien oder die breite Öffentlichkeit. Genau darin liegt die Herausforderung: Einerseits richten sich medizinische Inhalte oft an sehr unterschiedliche Gruppen – etwa an Laien oder Expert:innen. Andererseits ist auch innerhalb einer scheinbar klar umrissenen Zielgruppe die Ausgangslage selten einheitlich.
Personalisierung bedeutet deshalb nicht nur Individualisierung. Sie bedeutet vor allem, Relevanz je nach Zielgruppe herzustellen und Informationen in eine Form zu bringen, die individuelle Einordnung überhaupt erst ermöglicht. Das heisst: Kommunikation muss nicht nur zwischen verschiedenen Zielgruppen unterscheiden, sondern auch innerhalb derselben Gruppe unterschiedliche Zugänge mitdenken. Eine fachliche Kernaussage kann konsistent bleiben und dennoch unterschiedlich aufbereitet werden: in Sprache, Bildwelt, Detailtiefe, Kanal, Timing oder Schwerpunktsetzung. Genau darin liegt die kommunikative Aufgabe. Nicht darin, aus jedem Inhalt unzählige Varianten zu machen, sondern darin, aus einer klaren Aussage mehrere tragfähige Zugänge zu entwickeln.
Warum Dramaturgie mehr leistet als blosse Information
Das Sechseläuten zeigt zudem, dass wirksame Kommunikation nicht allein aus Information besteht. Sie lebt von Dramaturgie. Was kommuniziert wird bleibt nicht abstrakt; es wird hörbar im Glockenschlag, sichtbar im Umzug und spürbar im Ritual selbst.
Gerade darin liegt auch die eigentliche Lektion für die personalisierte Medizinkommunikation. Wirksam wird eine Botschaft nicht erst dann, wenn sie inhaltlich stimmt, sondern wenn sie so gestaltet ist, dass Menschen sie auf sich beziehen, einordnen, weiterdenken und danach handeln können.
[1] Vgl. MeteoSchweiz, „Böögg-Prognose“, Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie, abgerufen am 16. April 2026, https://www.meteoschweiz.admin.ch/wetter/wetter-und-klima-von-a-bis-z/boeoegg-prognose.html.
Text: Catrina Rees