Darf ich vorstellen?

Raketenpilot Taube.

Wer dachte Tauben sind nur zum Körnerpicken und Gurren gut, hat sich wohl geirrt! In den 1940er Jahren nahm der Verhaltensforscher B. F. Skinner die Idee auf, die omnipräsenten Stadtbewohner als organische „Piloten“ für Lenkwaffen zu trainieren und schuf somit eines der wohl kuriosesten Kapitel der Wissenschaft: die Taube im Cockpit-Idee.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verstanden Wissenschaftler:innen immer mehr, wie Menschen und Tiere auf ihre Umwelt reagieren und dabei ihr Verhalten anpassen. So begriffen sie, dass ein positiver Ansporn ein gewünschtes Verhalten verstärken kann – wie etwa das Leckerli, das der Hund bekommt, wenn er auf ein Kommando hört. In den 1940er Jahren machte sich der Verhaltensforscher B.F. Skinner diese Erkenntnis aus der Wissenschaft zu Nutze: Inmitten der Geschehnisse des zweiten Weltkrieges wurden treffsichere Raketensysteme gebraucht, doch geeignete elektronische Zielsysteme existierten damals noch nicht. Warum nicht stattdessen ein lernwilliges biologisches Navigationssystem nutzen, das Jahrtausende evolutionärer Navigationspraxis im Gefieder trägt?

Vom Körnerpicken zur Kurskorrektur

Gesagt getan! Nach einigen Tests entwarf Skinner einen Raketen-Gleiter mit einer auffallend grossen, schnabelförmigen Nase für die Steuerung und nur wenig Platz für Sprengstoff. Wegen dieser Proportionen erhielt er den Namen „Pelican“ – wie der Vogel, „dessen Schnabel mehr fassen kann als sein Magen“.1 Statt jedoch eine unzuverlässige Elektronik zur Steuerung einzusetzen, entschied er sich für die flugversierten Stadttauben. Diese sassen in einer Kanzel vor einer Projektionsscheibe und waren trainiert, immer genau auf das Bild des anvisierten Ziels zu picken. Jeder Schnabelstoss wurde in Steuersignale umgewandelt, die den Kurs der Rakete korrigierten. Erfassten die Tauben das Ziel richtig, bekamen sie ihre wohlverdienten Körner und lernten dadurch stehts noch genauer und ausdauernder zu picken.

Demokratisches Picken auch unter Stress

Was im Labor begann, wurde im Härtetest zur kleinen Sensation. Die Tauben blieben selbst dann fokussiert, wenn es laut dröhnte, die Kanzel vibrierte oder es plötzliche Kursänderungen gab. Denn für die Tauben galt: präzise picken, Körner kassieren. Damit aber dann doch keine einzelne abgelenkte Taube den Flug ins Chaos lenkte, setzte Skinner auf Demokratie im Cockpit. Er liess immer drei Tauben einen Raketen-Gleiter steuern, und nur, wenn mindestens zwei der drei Tauben dieselbe Richtung anpickten, wurde der Steuerbefehl auch ausgeführt.

Zu verrückt fürs Militär

Trotz erstaunlicher Laborergebnisse blieb die Begeisterung im Verteidigungsministerium verhalten. Ingenieure lächelten milde, Generäle schüttelten den Kopf. So wurde das Projekt im Jahr 1944 eingestellt und die Tauben wurden glücklicherweise nie zu «unwissenden Helden» 1, wie Skinner es beschrieb. Das Projekt wurde zwar kurzzeitig nochmals aufgenommen, jedoch war in den 1950er Jahren damit endgültig Schluss, denn die Elektronik hatte die gefiederten Piloten überflügelt. Skinner selbst nannte sein Projekt rückblickend eine „crackpot idea1 – also eine verrückte Idee – mal ganz abgesehen von den ethischen Fragen, die eine Raketenlenkung durch Tauben aufgeworfen hätte.

Was wir heute trotzdem daraus lernen können: die oft unterschätzten Tauben haben einiges an Potenzial. Vielleicht lohnt es sich also beim nächsten Stadtspaziergang ein wenig genauer hinzusehen. Wer weiss, vielleicht gurrt da auf dem Geländer gerade ein Nachkomme des besten Raketenpilots, den die Geschichte je NICHT in den Einsatz geschickt hat.

 

Quellen:

1 Skinner, B. F. (1960). Pigeons in a pelican. American Psychologist, 15(1), 28–37. https://doi.org/10.1037/h0045345

2 Skinner, B.F. (1996). The Flight of the Killer Pigeons. In: Introducing Psychological Research. Palgrave, London. https://doi.org/10.1007/978-1-349-24483-6_12